Überführung eines Dragonfly 35 Ultimate-Trimarans im Oktober/November 2017 von Rainer Holtorff

 

 

Auszug aus dem Bericht, gesamter Bericht folgt nach Abdruck in Fachpresse:

 

 

Freitag, 3. November 2017, 20:00 Uhr, Vigo (Galizien)

Ausgeruht sind wir wieder an Bord und lauern darauf, dass sich das Tief verzieht und wir freie Bahn nach Süden bekommen. Am frühen Abend beobachten wir die AIS-Signale einiger südwärts zielender Yachten, die bereits ausgelaufen sind und nun bei 4-5 Windstärken und Regen gegen den Südwind ankreuzen. Holger schlägt vor, es ihnen gleichzutun; ab Sonntag soll der Nordwind an der Costa de la Muerte mit bis zu 8 Beaufort aus Nord wehen. Man hätte dann schon ein Stück Weges gen Cascais geschafft und könnte gegebenenfalls schneller wieder unter Land kommen, falls es zu heftig wird. Ein guter Gedanke, aber ich gebe zu bedenken, dass die anderen nicht mit einem Trimaran unterwegs sind. Unsere Gegenwindstrecke auf der Straße von Dover habe ich noch in schlimmer Erinnerung. Und mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, sich da draußen in der Nacht zu verausgaben, obwohl der Wind morgen ohnehin auf Nord drehen soll. Zudem haben wir uns heute den halben Tag mit Wartung und Reisevorbereitungen befasst und sind jetzt müde. Keine guten Voraussetzung, um mit kleiner Crew in eine Nachtfahrt zu starten. Für nächstes Mal nehme ich mir vor, bei einer geplanten Abfahrt am Abend viele Dinge schon am Vortag zu erledigen, damit man ausgeruht an den Start gehen kann. Für heute entscheide ich, dass wir die Nacht zum Schlafen nutzen und erst am Morgen in See stechen werden.

 

 

 

 

 

Samstag, 4. November  2017, 10:00 Uhr Ortszeit

Facebook-Eintrag von diesem Tag:

 

Wir laufen gerade aus der Bucht von Vigo aus. Kurs Süd. Für morgen sind laut Deutschem Wetterdienst bis zu acht Beaufort und viereinhalb Meter Welle angesagt. Wir haben jede Menge Respekt, sehen die nächsten Stunden aber auch als Testlauf für die Passage rüber zu den Kanaren. Da wäre bei unserer Ankunft mit noch mehr Wind zu rechnen...
Unser Problem ist, dass wir nun schon über 1.000 Meilen mit diesem Schiff hinter uns haben, aber niemand kennen, (inklusive des World Wide Web) der uns sagen kann, wie so ein Trimaran bei 35 Knoten achterlichem Wind und 4-5 Meter hoher Welle segelt. Deshalb jetzt erstmal der Testlauf. Wenn es in den nächsten 36 Stunden zu grenzwertig wird, segeln wir zurück unter Land - entweder nach Cascais oder an die Algarve. Wenn es gut läuft, ziehen wir durch bis Las Palmas. Mal sehen...“

 

Schon am Nachmittag schießt der Windmesser auf über 35 Knoten hoch. Die Höhe der Wellen liegt um die 3 Meter, Tendenz steigend. Der Autopilot kann den Kurs noch halten, ohne aus dem Ruder zu laufen, ist aber pausenlos am arbeiten. Der Hydrogenerator lädt und läuft im Dauerbetrieb, man kann den Speed an der Höhe seines Jaultons festmachen.

Wir gehen Einzelwachen. Die Freiwache sieht zu, dass sie sich ausruht; wir wissen ja, dass es noch mehr werden soll.

Holger und ich sind in diesem Jahr schon mal in stürmischen Wind hineingefahren: Das war auf der Nordsee, nachts mit einer Dehler 47. Da war ordentlich Druck im Tuch und es war anstrengend, aber es lief alles wie geplant.

 

Um 22:30 Uhr setze ich über meinen Inreach-Explorer via Satellit eine Botschaft an unseren Wettermann Thomas ab:

 

„N‘Abend! Böen bis 39 Knoten, aber im Mittel 31 Knoten. Boot läuft ok. Autopilot braucht viel Strom, aber Hydrogenerator liefert.“

 

Thomas antwortet wenig später:

 

„Hi, das ist mehr als in der Vorhersage, aber es sollte nicht weiter zunehmen! Ab morgen Mittag wieder abnehmend. Ich schicke einen Bericht per Mail ans Iridium-Handy!“

 

Wir kommen gut durch die Nacht. Der Wind bleibt im Mittel mit sieben Beaufort über der angesagten Stärke und soll ja noch zunehmen. Die Wellen bauen sich stetig weiter auf. Das Schott steckt im Niedergang. Die Genua ist bis auf ein paar Quadratmeter eingerollt, dennoch werden wir immer wieder auf ungewollte Abfahrten geschickt. 

 

 

Sonntag, 5. November

Als die Sonne aufgeht stehen wir auf der Breite von Nazarè. Südlich vor uns liegen die Berlengas, eine Inselgruppe bei Peniche. An ruhigen Tagen kann man östlich der Inseln durchgehen, nahe dem Festland. Daran ist heute nicht zu denken; dort ist es nur 35 Meter tief und die Wellen sind jetzt schon hoch. Selbst westlich der Berlengas, wo unser geplanter Kurs verläuft, steigt die Tiefe innerhalb weniger Meilen von ein paar tausend Meter auf nur noch 60 Meter an. Weiter draußen wäre sicher ruhigeres, weil tieferes Wasser, aber damit wären wir mitten auf den Verkehrswegen der Frachtschifffahrt und außerdem sehr weit von Cascais entfernt, dem nächst möglichen Schutzhafen.

 

60 Meter Tiefe – ich frage mich, ob das eine Rolle spielt. Nach vielen Jahren auf dem Wasser ist es für mich noch immer ein Rätsel, welche Tiefe sich bei Starkwind wie auf das Wellenbild auswirkt. Wenn ich kann, mache ich bei Starkwind einen Bogen um jedes Flach, nur geht es hier leider nicht.

 

Gegen Mittag sitze ich bei geschlossenem Schott auf der Back und blicke achteraus in die Wellenberge. Der Ruderautomat lenkt, die Freiwache ist unter Deck.

Aus dem Nichts bricht eine Welle ins Cockpit, setzt alles unter Wasser, drückt die Rettungsinsel, die wir am Heck gestaut hatten, aus ihrer Position. Ein paar hundert Liter Salzwasser schwappen gurgelnd umher, laufen wieder ab. Im Boot heißt es, dass das Wasser durch das geschlossene Schott bis in den Salon geschossen sei. Meine Koje, die sich hinter dem Niedergang befindet, ist nass.

Ich blicke auf den Plotter. Auf der Seekarte ist zu sehen, dass der Meeresboden von 1000 Meter auf 80 Meter angestiegen ist. Wir sind über die Kante des Festlandschelfs gefahren.

 

Der Wind legt weiter zu. Ich löse den Wachplan auf; wir werden jetzt nicht bis Gran Canaria durchsegeln, sondern unsere Haut retten und die 60 Meilen bis Cascais ablaufen - leider nicht sehr weit von der Küste entfernt.

Wellen kommen in der Größe von Häusern in schneller Folge. Immer mal wieder schießt der Tri den Kamm hinab. Holgers Augen gehen dann zum Speedometer. „23 Knoten!“, ruft er. Wenn man bei so einer Abfahrt unter Deck durch die Fluchtluke blickt, sieht man das Wasser vorbeischießen wie bei einer Wildwasserfahrt. Wir sind längst zum Handsteuern übergegangen, um nicht zu verschneiden und die Wellen seitlich abzubekommen. Es geschieht trotzdem, als ich steuere.

 

Manche Wellen sind über 5 Meter hoch. Hohe Wellen sind mir nicht fremd. Auf einer Atlantiküberquerung vor 3 Jahren hatten wir eine Woche lang 7-8 Beaufort und mehr, und die Wellen wurden stetig größer. Doch da draußen waren sie lang und brachen eher nur an ihren Gipfeln. Hier steilen sie sich immer wieder zu Wänden auf, die brodelnd hinter uns einstürzen. Stunde um Stunde fahren wir Kämme herunter und wieder hinauf. Mitunter werden wir von brechenden Wellen überspült, das Cockpit ist jedenfalls schön sauber. Wenn mal eine Welle quer kommt und unter dem Boot durchläuft, schießen Fontänen durch die Trampoline zwischen den Schwimmern in die Höhe.

 

Obwohl sich eine gewisse Routine einstellt, lässt sich der Gedanke, dass wir hier Scheitern könnten, nicht ganz abschütteln. Die Bedingungen werden nicht besser. Ich hoffe, dass es gut geht, werde ganz demütig. Sicher würde hier jeder demütig, egal wie aufgebläht sein Ego sein mag: Man wird sich seiner Kleinheit bewusst. Und man betet, dass Wind und Wellen nicht noch zunehmen und das Maß des Beherrschbaren überschreiten, und dass auch sonst nichts passiert, was die Lage verschärfen könnte: Kein Reißen von irgendwas, keine Probleme mit dem Ruder. Wer sollte einem denn auch hier draußen zu Hilfe kommen?

Es dämmert bereits. Noch zwei,drei Stunden bis Cascais. Wir zählen die Meilen. Delfine tauchen auf, kommen näher, spielen zwischen den Rümpfen, ringen uns ein Lächeln ab.

Wir diskutieren über die korrekte Annäherung an das Kap Raso. Holger und Martin wollen nicht vorbei laufen. Ich gebe zu bedenken, wo die Tiefe abnimmt nimmt die Höhe der Wellen zu. Wir einigen uns darauf, sich dem Kap in einem respektvollen Bogen zu nähern und gehen dazu höher an den Wind. Meile um Meile nähern wir uns und warten, dass sich die Bedingungen entspannen. Aber der Wind nimmt eher noch zu. Immer wieder schnellt der Windmesser auf über 35 Knoten hoch. Und die Welle kommt jetzt auch noch aus zwei Richtungen, wird immer chaotischer. Wir wechseln den Rudergänger im Viertelstundentakt, um sicher zu gehen, dass keiner in einen Trott verfällt und einen Fehler macht. Ein zweiter Mann sitzt im Cockpit, blickt achteraus und warnt, wenn sich ein Brecher hinter uns auftürmt.

Die Sonne eines wolkenlosen Himmels versinkt im Meer. Die Dämmerung vergeht schnell. Der Leuchturm am Kap Raso blitzt 3 mal weiß, alle 9 Sekunden. Schwach sind Häuser und Straßen am Ufer zu sehen, aber die Sterne verschlagen uns den Atem. Was ist das? Der Seegang hat abgenommen! Das Kap hält schützend seine Hand über uns. Ein riesiger Mond geht auf über Cascais.

 

 

 

 

 

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