Mein erstes „MAYDAY“

 

Von Rainer Holtorff

 

Die Gefahr für den Seemann lauere an der Küste, heißt es. Und Frauen brächten Unglück an Bord. Nie hätte ich gedacht, dass ich dies einmal so wörtlich nehmen muss.

 

Seit beinahe zwanzig Jahren bin ich als Segelprofi unterwegs. Mit Jachten jeder Größe. Viele Überführungen, Transatlantik, Nordmeer, sonst wo auf der Welt. Nie ist mir oder jemandem, der bei mir an Bord war etwas zugestoßen. Etliche Rettungsmanöver haben wir geübt, Rettungswesten angelegt, MAYDAY-Rufe simuliert. Aber nie musste ich über Funk Hilfe herbeirufen. Bis zu diesem Törn im Herbst.

 

Ich erhielt den Auftrag eine Lagoon 570 von der Algarve in einen Ostseehafen zu überführen. Meine Crew bestand aus 2 Männern und einer Frau. Geplant war, mit dem 17 Meter-Schiff zügig entlang der Iberischen Halbinsel gen Norden zu segeln.

 

In der ersten Nacht umrundeten wir das Kap Sao Vicente, kreuzten gen Lissabon und wollten eigentlich bis Vigo kommen. Als der Wind dann aber auffrischte und immer vorlicher wurde, beschlossen wir südlich von Lissabon bei Sesimbra vor Anker zu gehen und auf bessere Bedingungen zu warten.

 

Wir erreichten den Ankerplatz vor der Stadt am späten Nachmittag. Bei dem starken Landwind brauchten wir drei Versuche, bis der Haken auf dem steinigen Grund hielt.

Don, Christian und Kathrin gönnten sich danach einen Wodka-Cocktail aus der Bordbar. Ich verzichtete und zog mir lieber die Badehose an. Wir ankerten zwar ein ganzes Stück vom Strand entfernt, aber das war doch genau die richtige Herausforderung für einen echten Schwimmer. Ich ließ mich am Heck ins Wasser gleiten. Es war kalt, trübe und salzig. Eine starke Strömung setzte mit dem Wind in Richtung offene See. Vielleicht doch zu gefährlich, dachte ich. Aber dann fiel mir ein, dass das Risiko, wenn ich mich exakt in Windrichtung zum Strand bewegte, relativ gering wäre. Denn falls die Kräfte auf dieser Strecke nicht ausreichen sollten, könnte ich mich ja wieder zurücktreiben lassen. Diese Methode hatte ich mir auf den Kapverden angewöhnt, wo der ablandige Wind am Ankerplatz öfter mal stürmisch weht.

 

Das Kraulen gegen Wind und Wellen strengte mich an. Es dauerte, bis ich den Strand erreichte. Von dort betrachtete ich unseren in der Ferne ankernden Katamaran. Daneben lag nun eine kleinere Yacht unter portugiesischer Flagge. Bei uns sah ich jemanden an Deck stehen, der plötzlich kopfüber ins Wasser sprang.

Ich gönnte mir noch ein paar Minuten Ruhe am Strand, dann machte ich mich auf den Rückweg. Ich musste gar nicht viel tun, durch Wind und Strömung wurde ich beinahe zum Schiff hingetrieben.

 

An Deck waren Don und Christian mit dem Dingi beschäftigt. Kathrin war nicht zu sehen. Im Salon lag ihr Handtuch, ein aufgeschlagenes Buch. Die Tür zu ihrer Kabine stand offen.

„Kathrin?“

Keine Antwort. Auf ihrem Bett lagen ein paar Kleider. Ich sah in ihrem Bad nach. Dann in den anderen Kabinen.

Keine Kathrin.

Ich ging wieder raus zu Don und Christian, die am Heck über den Dingi-Motor gebeugt waren.

„Wo ist unsere Mitseglerin?“

„Unter Deck? Vorhin war sie noch schwimmen“, bemerkte Christian ohne aufzusehen.

„Nee. Drinnen ist niemand.“

Don sah etwas besorgt aus.

„Ist sie zum Strand geschwommen?“

Ich schüttelte den Kopf:

„Von dort kam ich ja gerade. Mir ist niemand entgegen gekommen, ganz sicher nicht. Die Strömung ist auch ziemlich stark...Aber vom Strand aus habe ich jemanden gesehen, der hier von Bord ins Wasser sprang ...“

Nun legte auch Christian seine Arbeit nieder. Don bestand darauf, noch einmal das Schiff zu durchsuchen, aber vergeblich. Es stand nun fest:

Kathrin war nicht mehr an Bord.

Der Katamaran ruckte in seine Ankerkette. Der Wind hatte zugelegt. Wir suchten die See mit einem Fernglas ab. Keiner von uns wagte den Gedanken zu denken, geschweige denn auszusprechen. Das Wasser strich an den Rümpfen entlang, trüb, feindlich. Der Strand war beinahe verlassen. Es wurde allmählich dunkel. Achteraus gab es nur noch Wasser. Was dort trieb würde sich rasch entfernen - wenn es nicht schon unter Wasser trieb. Die Erkenntnis traf uns wie ein Schlag vor den Kopf: Tot. Ertrunken. Lag es am Wodka? Ein Glas zu viel. Ihr Herz ist beim Sprung ins kalte Wasser stehen geblieben. Dann ist sie hinabgesunken und treibt dort nun auf den Atlantik hinaus. Allein. Erstarrt. Eine Wasserleiche, die man nie mehr finden wird. 

Ich war wie betäubt, doch ich musste handeln, irgendwie. Ich nahm das Handteil des Funkgerätes in die Hand:

„MAYDAY – MAYDAY – MAYDAY, this is sailing vessel „JOY OF LIFE“. We are anchoring at Sesimbra. Our position is 38°26’ North and 009°06’ West . We have a person over board. We require urgent assistance. MAYDAY...!“

Wir warteten. Keine Antwort. Vielleicht hielt man es für einen Scherz, wegen des Schiffsnamens? Kurzerhand hob ich die Abdeckklappe der Distress-Taste und presste sie über fünf Sekunden lang. Zunächst passierte gar nichts. Dann knackte und rauschte es. Eine dünne Stimme, die sich als MRCC Lissboa zu erkennen gab, bestätigte die Aufnahme des Notrufs und sagte zu, dass Hilfe kommen würde.

 

Wir standen an Deck und blickten achteraus. Dorthin, wo alles treiben würde. Die einbrechende Nacht ließ uns immer weniger erkennen. Schweigen. Die Nachbarcrew sah herüber, vielleicht hatten sie den Funkspruch gehört. Das konnte doch nicht sein. Eben noch waren wir guter Dinge gewesen. Und aus dem Nichts hatte sich hier der Tod eingeschlichen. Ich hatte Kathrin angeheuert. Über das Internet, eine Anzeige auf "Hand-gegen-Koje". Folglich würde ich es sein, der ihren Eltern ihren Tod erklären musste. Dazu die Scherereien mit den Behörden. Erst hier in Portugal und dann in Deutschland. Eine Untersuchung der Umstände stünde an. Die Yachtzeitschriften würden  berichten. Welche Konsequenzen trafen mich eigentlich? Hatte ich etwas falsch gemacht? Verdamt! Ausgerechnet diese so quicklebendige Frau, sie hatte ihr Leben doch noch vor sich gehabt...

„Scheißalkohol“, flüsterte ich. „Wer hat eigentlich die Idee mit dem Drink gehabt?“

„Guck...mal...da...!“

Don zeigte nicht in Windrichtung zum Strand, sondern fast 90 Grad davon.

Sechs Augenpaare starrten auf einen Gegenstand, der sich langsam, aber stetig bewegte und der allmählich näher kam. Es war ein blonder Schopf.

 

 

Als Kathrin in ihrem knappen Bikini an Bord kletterte, gut durchblutet, in bester Form und Laune, starrten wir Männer sie an wie einen Geist. Wir waren nicht in der Lage zu begreifen, dass das Unglück nicht stattgefunden hatte.

Ich nahm über Funk den Notruf zurück. Ein Boot der portugiesischen Küstenwache machte an unserem Heck fest. Zwei Wasserschutzpolizisten kamen an Bord und verlangten eine Erklärung. Als ich ihnen sagte, dass die vermisste Person jene junge Frau sei, die nun in ein Handtuch eingewickelt vor ihnen stand, sahen sie mich an, als ob wir sie zum Narren halten wollten. Dann überprüften sie noch die Schiffspapiere und zogen wieder ab, nicht ohne Kathrin zu ermahnen, künftig verantwortungsvoller zu sein.

 

Wir setzten den Törn nach Norden fort. Noch auf der Biskaya erschien mir Kathrin mitunter wie ein Geist, wenn sie plötzlich um die Ecke bog. Ihre Erklärung war indes einleuchtend gewesen: Sie sei einfach quer zu Wind und Strömung an Land geschwommen, hätte sich da gar keine Gedanken gemacht. Und dann sei es am Strand einfach sehr schön gewesen, nach diesen langen Tagen auf See, da habe sie schlichtweg die Zeit vergessen.

 


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