Foto: ©Thomas Götzen

Yachtüberführung/Törnbegleitung:

Fehmarn - Amsterdam - London - Lissabon,

Jeanneau 49 i, 4 Crew   

 

14.05.18, Deutsche Bucht

Wir sind wieder auf Langfahrt: Fehmarn nach Lissabon, via Amsterdam und London. Geplant sind 3 Wochen. Vorgestern haben wir in Burgtiefe die Leinen geslipt und sind rüber nach Kiel gefahren. Genauer: Nach Holtenau, zum Tiessenkai. Gibt es einen netteren Hafen? Ist das überhaupt ein Hafen? Wohl eher ein buchenumrankter Anleger aus der Kaiserzeit vor den Schleusen zum Nord-Ostsee-Kanal.

N o r d - O s t s e e -K a n a l - dieses Wort! Kein Wunder, dass alle Welt „Kiel Kanal“ sagt. Wer hat schon Lust auf dieses Amtsdeutsch? Dabei besticht der „N-O-K.“, wie wir ihn meistens nennen, an manchen Stellen mit wilder Schönheit. Jedenfalls haben wir die 8 Stunden unter Motor irgendwie durchgestanden und gingen am frühen Nachmittag in Brunsbüttel durch die Schleuse "Alte Süd". Das sollte bis Amsterdam eigentlich unser letzter Kontakt mit dem Festland gewesen sein, doch es kam anders: 

Die Elbe hatte uns schon ausgespuckt, die Sonne wollte bald in der Nordsee versinken, als wir bemerkten, dass die Genua sich kaum ausrollen ließ. Wir versuchten es mit Gewalt, aber da ging schon gar nichts mehr. Auch das Ablassen des Segels nicht, denn es rollte auch nicht mehr ein. Vor uns hing zu diesem Zeitpunkt eine riesige, dunkle Wolke und Elbe Traffic hatte vor Gewitter und Sturmböen gewarnt. Bei dem Gedanken im Starkwind mit der killenden Genua zu kämpfen wurde uns mulmig, aber dann bekamen wir das Segel doch noch weg, indem wir etwa ein Dutzend Kreise fuhren und es so um das Vorstag wickelten. Mit der Flut liefen wir zurück nach Cuxhaven.

Wer wir eigentlich sind?

Da ist zunächst mal Guido, der Eigner der Imperia, ohne den es diesen Törn nicht geben würde. Er will mit diesem Schiff auf große Fahrt gehen, einmal um die ganze Welt. Guido ist ein badischer Unternehmer in den besten Jahren. Ich kenne ihn noch nicht lange, aber ich würde sagen, er ist jemand, der sich die Butter nicht vom Brot nehmen lässt. Ein agiler, impulsiver Typ, der gelernt hat, dass es auf einem Schiff meistens etwas zu tun gibt, und der es tut. Er mag es aufgeklart und weiß genau, was er will – für einen Skipper ja keine schlechte Eigenschaft. Guido ist schon zweimal über den Atlantik gesegelt und etliche Meilen auf dem Bodensee. Nur auf der uns bevorstehenden Route war er noch nie unterwegs – und deshalb bin ich hier mit an Bord.

Ebenfalls aus Baden mit dabei ist Männi. Guido und Männi kennen sich schon ewig. Sie sind beide Mitglieder in irgendeinem Verein in Breisach und haben auch schon einige Törns zusammen gesegelt. Männi ist eher zurückhaltend und pflegt einen Sinn für englischen Humor. Er segelt erst seit 4 Jahren, zeigt sich an nautischen Themen aber immer interessiert. Leider wird er nur bis Amsterdam an Bord bleiben und dann durch Ronny ersetzt.

 

Unser dritter Mann ist Thomas. Wir beide sind schon ein paar Mal miteinander im Englischen Kanal auf Törn gewesen und deshalb habe ich ihn hier mit an Bord gebracht. Thomas kommt ursprünglich aus Rostock und ist vor vielen Jahren als junger Funker auf einem DDR-Minenräumer gefahren. Seither hat er alle möglichen Erfahrungen auf Yachten gesammelt. Neben dem Segeln hat er noch eine zweite Leidenschaft, nämlich Bilder zu machen. Er hat eine Gopro, eine Vollformatkamera und eine Drohne dabei. Thomas will diesen Törn also ins rechte Bild setzen, gerne hält er einem dazu beim Essen die Gopro ins Gesicht, weil es ja auch persönliche Bilder braucht. Er verbringt an Bord einen Teil seiner Zeit mit der Postproduktion, zur Freude Guidos, der die entstandenen Clips in seinem Blog hoch laden kann.

 

Ich bin auf diesem Törn Lotse und Teilzeit-Smutje. Ist nicht immer ganz leicht, wenn man über 100.000 Meilen als Skipper im Kielwasser hat. Hat aber auch gewisse Vorteile. Ich bin die Tour in den letzten Jahren etliche Male gesegelt, nur die Themse kenne ich noch nicht. Interessant ist hier an Bord für mich auf jeden Fall die Mischung: Badenser und Nordeutsche auf einem Boot. Da gibts von Haus aus ein paar Unterschiede. Für die ist ein Boot ja nur „ a Bötle“, und natürlich sind sie irgendwie quirliger als wir. Ich habe kein Problem damit. Wenn man Vielfalt nicht zu schätzen weiß, kann man gleich zu Hause bleiben.

 

 

15.05.18, Nordsee, Niederlande, Küstenverkehrszone

 

Mittlerweile haben wir die Insel Texel hinter uns. Leider spinnt die Rollreffanlage wieder. Technische Probleme gehören aber zur Seefahrt, wie das Warten; Schiffe sind komplexe Gegenstände, oder gar Lebewesen? Auf jeden Fall sind sie in den letzten Jahren immer komplizierter geworden, weshalb ich mir manchmal ein Wikingerboot wünsche und ein paar hart gesottene Männer. Keinen Motor, nur Ruder, und überhaupt keine Elektrik, die ist im Salzwasser doch zu anfällig. Wenn der Wind nicht stimmt, wird gepullt. Toilette geht über Bord und gekocht wird unterm Dreibein.

Bei uns wird gerade nicht gerudert, sondern motort. 90 Dezibel. Ich schreibe  mit Ohropax; unsere Kabine befindet sich neben der Maschine.

Gegen Mitternacht werden wir in Ijmuiden einlaufen.

 

 

16.05.2018 Amsterdam

 

Gestern sind wir bei Regen und Wind durch die Zuidersluis gegangen. Als wir den Nordzeekanal befuhren riss der Himmel auf. Amsterdam empfing uns mit Sonnenschein und einer kalten Brise. Die Marina liegt zwischen einer Ölbohrinsel-Werft und atemberaubender Architektur. Das Ganze ist in Amsterdam-Noord, unweit der ehemaligen NDSM-Schiffswerft, die heute von Künstlern genutzt wird und als Zentrum der Hipster gilt. Schöner Kontrast zum Touristen-Gedränge im eher musealen Teil der Stadt, auf der anderen Seite des Kanals. Wir sehen uns an beiden Ufern um, dann geht's auf den nächsten Schlag nach London.

 

Südlich der Thames Estuary, Samstag 19. Mai 2018

 

Es gab den geplanten Crewwechsel. Männi ging und Ronny kam. Er ist Arzt in Berlin, wir reisen jetzt sogar mit medizinischer Begleitung.

 

Am frühen Abend querten wir die Mündung der Maas, das Fahrwasser Rotterdams, diese von riesenhaften Deichen geschützte Festung des Welthandels. Wie an der Perlenschnur rauschen Tanker, Frachtschiffe, Fähren und Baggerfahrzeuge ein und aus, und über allem wacht Maas Entrance, die Verkehrsaufsicht. Von dort funkt man mit einer erstaunlichen Höflichkeit: „Good afternoon Imperia, please keep your speed and course and stand by on channel 3!”, „Sailing Yacht Imperia, could you now change your course a little bit to starboard?“, „Good bye Sir - have a safe passage!“.

 

Um danach weiter gen London zu kommen sah mein Plan vor, südlich des Rotterdam betreffenden Verkehrs nach Westen zu segeln; ich hatte auf einer  fast aktuellen britischen ­Papierseekarte eine blaue Linie als dafür vorgeschlagene Yacht-Route nach England entdeckt. Zwar führte diese auch durch ein Gebiet, wo nun Windparks liegen, aber dazwischen gibt es, laut einer elektronischen Karte, noch immer eine Lücke. Diese war fast zwei Meilen breit, dort müssten wir doch eigentlich hindurch passen. Ich wollte unbedingt vermeiden noch weiter nach Süden zu kommen, in die Hölle des Fahrtenseglers: Die Verkehrswege von Antwerpen, Vlissingen, Zeebrügge und das sie umgebende seichte, trübe und zu schnell strömende Nordseewasser.

 

Ich war allein an Deck, der Rest der Crew schien zu schlafen. Etwa eine Stunde vor Mitternacht konnte ich die 30 Meilen vor der Küste im Gleichtakt  rot blinkenden Windräder sehen. Seit einiger Zeit war vor dem Windpark noch ein helles, weißes Licht dazu gekommen, das sich nicht veränderte und das ich nicht zuordnen konnte, da unser AIS seit Amsterdam keine "Gegner" mehr anzeigte. Dann knisterte und rauschte es im Funk. Der Spruch klang nach Darth Vader:

„Sailing Vessels on position 51 degrees 40 minutes North and 002 degrees 56 minutes East: This is Guard Vessel Assessor, you are entering a restricted area!!“.

Ich entgegnete, dass ich nur durch die vorhandene Lücke im Windpark segeln wollte, ohne jemanden zu behindern. Assessor ging aber mit keinem Wort darauf ein und wiederholte seine Ansage nur, in noch schärferem Ton. Es  rauschte und knackte. Ich blieb ebenso stur und hielt Kurs. Assesor funkte nun: „Sailing Vessel, turn away!!“. Kurz darauf schaltete sich auch noch ein „Traffic Center“ ein, das mich ebenfalls aufforderte zu verschwinden.

Ich gab auf. Schweren Herzens änderte ich den Kurs nach Südost, um den  fünfzehn Meilen breiten Windpark zu umfahren. Ein Riesenumweg. Blieb nur zu hoffen, dass sich in dem daran anschließenden Militärgebiet gerade keine Übung abspielte.

Großschifffahrtsrouten, Ölbohrinseln, Militärgebiete, Windkraft. Es wird immer schlimmer. Ich hab ja nichts gegen Windkraft, aber Barrieren von fünfzehn Meilen, durch die man nicht mehr durchkommt? Das lässt mich von Zeiten träumen, als man die Nordsee noch frei befahren konnte, wie die Freibeuter.

Großer Poseidon, lass diese Zeiten wiederkommen und Ölbohrplattformen, Containerschiffe und VTG-Fahrwassertonnen irgendwo verotten! Denn wenn es so weiter geht, gibt es ja bald nur noch Korridore. Aber wie will man in solchen denn bitte noch segeln?

 

Irgendwie schafften wir es bis zum Morgen zur Themsemündung. Ich war daran bisher immer vorüber gesegelt, und auch diesmal habe ich es wieder versucht, indem ich Guido, den Eigner und Skipper der Imperia, beiläufig darauf hinwies, dass man Brighton ja auch „London by the Sea“ nenne, und wir - unter Verzicht auf London - zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen könnten: Nämlich: Fast nach London zu kommen und unserem Ziel Lissabon ein gutes Stück näher. Guido ist aber nicht der Typ, der sich durch praktische Ratschläge von lange gehegten Vorhaben abbringen lässt, das ist mir da klar geworden.

 

Und so fuhren wir am strahlend blauen Morgen der Prinzenhochzeit - Harry heiratete Meghan auf Schloss Windsor - durch den Princes Channel.

Im Süden war die hohe Küste der Grafschaft Kent mit den South Downs zu sehen. Im Norden, wo East Anglia liegen musste, konnte man zwischen Land und See noch keinen Unterschied ausmachen. Wie durch einen riesigen Trichter schob und zog uns die Flut auf die 50 Meilen entfernte Metropole zu. Ich hatte keine Ahnung, ob die Dauer der Tide ausreichen würde, um ganz bis in das Herz der Stadt zu gelangen, oder ob wir vorher irgendwo würden festmachen müssen.

Bei Shivering Sands erreichten wir das Hauptfahrwasser, wo vereinzelte Containerschiffe unterwegs waren. Drei Segelyachten querten nach Süden in einen Seitenarm, der die Halbinsel Medway abteilte. Laut Karte lag dort drinnen ein Flusshäfchen namens Queenborough, wo Yachten, die nach London wollen, abwarteten können, bis sie das haben, was die Engländer eine „fair tide“ nennen.

 

Die Ufer kamen näher, zunächst als dunstige Streifen mit davor liegenden Watten, dann konnte man Orte erkennen. South-End-On-Sea, Leigh-On-Sea oder Cavey. Schließlich wurde aus der Wasserwüste eine Flusslandschaft in den Marschen, ähnlich der Unterelbe. Ab Holehaven, wo Containerschiffe beladen wurden, waren die Ufer nur noch ein paar Kabellängen voneinander entfernt.

Unser Ratgeber an Bord war ein zwei Jahre alter Reeds Nautical Almanach, den ich hin und her wälzte, um herauszukriegen, wo wir die Nacht verbringen konnten. Schon in Amsterdam hatte ein Marinero auf meine Frage hin, ob London mit einer Yacht gut machbar wäre, geantwortet: „Normalerweise schon, aber mit der königlichen Hochzeit - das könnte schwierig werden…!“. Und so kam es dann auch: Ich telefonierte sämtliche Marinas durch: Saint Katharines Haven, Limehouse, Poplar Docks, Gallions Point, South Dock Marina - es gibt ja nur eine Hand voll. Stets erhielt ich die gleiche Antwort: „Sorry, we are full - Sir, you know...the Royal Wedding…!“

Ich fand im Reeds auch noch die Telefonnummer eines River-Service, der für im Fluss liegende Mooring-Tonnen und sonstige Anleger zuständig war. Dort meldete sich der mir unbekannte Steve, der zwar ein offenes Ohr für uns hatte, aber keinen Liegeplatz. Als er mitbekam, dass wir trotz fehlender Reservierung weiter auf London zuhielten, wirkte er besorgt. Und als er hörte, dass wir South-End-On-Sea erst kürzlich passiert hatten, noch besorgter.

„Da seid ihr erst! Guter Gott, da kommt ihr mit der Flut ja gar nicht bis nach London rein! Da wird Euch der Ebbstrom ja vorher ausbremsen. Vielleicht schafft ihr es ja noch bis Gravesend… ja, geht am besten nach Gravesend!“

 

Als wir ein halbe Stunde später an Gravesend vorbeifuhren, wo ein paar Mooring-Tonnen lagen, zeigte Guido kein Interesse daran Steves Rat anzunehmen.

„Wir werden schon etwas finden in der Stadt“, sagte er unbeirrt.

Ich war nervös, denn im Reeds stand, dass sämtliche Häfen in der City of London nur um Hochwasser herum ihre Schleusen öffnen. Schon eineinhalb Stunden danach ist alles wieder zu, weil die Zugänge bei Ebbe trocken fallen. Es ließ sich ausrechnen, dass wir zu spät eintreffem würden. Wohin also mit dem 50 Fuß Schiff mit fast 2 ½ Meter Tiefgang? Der Gedanke, mit einer Yacht in einem uneinladenden Revier heimatlos zu sein stresst mich irgendwie. Habe ich vielleicht schon zu oft erlebt: Zum Beispiel weil ein Hafen voll ist, oder weil man zu viel Tiefgang hat, oder weil die Ansteuerung bei Welle über ein Flach zu riskant ist und man draußen bleiben muß. Hier war ich zwar nur der angeheuerte Lotse und nicht verantwortlich, aber ich saß auch im selben Boot. Guido in seiner nassforschen, badischen Art blieb entspannt und der Gashebel zeigte noch immer nach vorn, auf das Zentrum von London zu.

 

Bei sinkender Sonne unterfuhren wir die Queen Elisabeth II-Brücke, kamen am Coldharbour Point vorbei, den Rainham Marshes, auch an einigen Ankerplätzen und Mooringbojen, an denen kleinere Yachten hingen, und an denen ich vielleicht festgemacht hätte. Aber wir fuhren vorbei; auf einem Schiff kann nur einer das Sagen haben, und dieser hatte entschieden, dass wir es drauf ankommen lassen würden. 

Am Abend kamen wir an die Thamse Barrier, das Sperrwerk, das London im Bedarfsfall vor den Nordseefluten schützen soll. Die Träger sehen aus wie riesige, spanische Ritterhelme. Um es zu durchfahren, muss man sich über Funk bei London V(essel)T(raffic)S(ervice) anmelden und bekommt dann ein Span zugeteilt. Da die Liegeplatzfrage noch immer offen war und es schon dämmerte, schoben wir unserer Anmeldung hinterher, dass wir nicht wüssten, wo wir bleiben könnten – sämtliche Marinas wären voll. London VTS bat sich eine kurze Bedenkzeit aus, dann funkten sie zurück, dass sie uns leider nur eine Mooringtonne anbieten können, östlich des alten Whoolwhich-Ferry-North Pier, etwa eine Meile stromabwärts.

Wir machten uns auf den Weg und fanden bald eine riesige, gelbe Stahltonne, die im reißenden Ebbstrom pendelte. Nach dem dritten Versuch, bekamen wir eine Leine über eine Klampe geworfen und hingen nun im Strom. Keine schöne Aussicht für die Nacht. Was würde eigentlich passieren, wenn die Tide kenterte, werden wir die Tonne dann rammen? Guido sorgte sich um sein Schiff. Ich maulte, dass wir ja längst irgendwo hätten ankern können. Wir riefen London VTS erneut an und schilderten unsere Bedenken. Nach kurzer Pause kamen sie mit dem Vorschlag, dass wir an einer nahen Schute festmachen können, die an einem ausgemusterten Ausflugsdampfer hängt.

So verbrachten wir die Nacht mit doppelten Leinen längsseits der Schute. Aufgrund des vorbei gurgelnden Wassers wachte ich nachts mal auf, aber wir lagen ganz gut. Der Punkt ging an den Eigner, der es hatte drauf ankommen lassen.

 

 

Am nächsten Morgen warfen wir noch vor Sonnenaufgang die Leinen los, um das Hochwasser zum Einlaufen nicht zu verpassen. Wir machten uns auf die letzten sechs Meilen hinauf zur Tower Bridge. Kein anderes Schiff war auf dem Fluß unterwegs, auch am Ufer war kein Mensch zu sehen; die gesamte Stadt schien den Rausch der Prinzen-Hochzeit auszuschlafen.

Wir umrundeten die Isle of Dogs, auf der die Türme des Bankenviertel funkelten, als seien sie aus purem Gold. Dann eine Batterie alter Werften: Paynes, Convoys, Roses, Fergusons, Brown Winkleys, Snowdens, Atlas und natürlich die legendäre Gibsy Moth IV, ein Rahsegler aus der großen Zeit des British Empire.

Endlich erreichten wir die Tower Bridge. Das altehrwürdige St. Katharina Dock gab uns grünes Licht. Man war bereit uns zu schleusen.

 

 

 

60 Meilen nördlich von A Coruna, an der Kante zum Kontinentalschelf

 

Meine neunte Biskaya-Überquerung in drei Jahren. So oft war ich in dieser Zeit nicht auf der Alster unterwegs. Wir haben die Strecke ja bald hinter uns. Voraussichtlich muss man sagen – man weiß ja nie.

Vor einer Woche haben wir in London die Leinen losgeworfen, nachdem wir einen Tag in der Stadt verbrachten. Was ist seitdem passiert?  Mit Hilfe des Ebbstroms sind wir das lange Ende aus der Themse wieder heraus gekommen, dann an Dover vorbei gesegelt und quer über den Ärmelkanal nach Cherbourg. Dort haben wir in Rekordzeit (2 Tage) die Rollreffanlage tauschen lassen, nachdem sie wieder Ärger machte. Wir sind weiter nach Westen vorgedrungen und waren für eine Nacht in Brest, wo ich rein zufällig ein Metal-Konzert der Gruppe Shadyon gesehen habe, weil ich - wie immer in Brest - auf einen Drink im legendären Hotel Vauban einkehrte. Und sonst? Es sind beinahe 2 Tage vergangen seit dem Verlassen der Iroise See. Die Biskaya war überwiegend schwachwindig. Phasenweise sind wir gut gesegelt. Wie immer bei längeren Strecken, wenn die Maschine öfter läuft, zieht es sich nun etwas. Klar, man kann froh sein, wenn man hier heil durchkommt, aber segeln ist doch etwas anderes. Je mehr Jahre ich auf dem Wasser bin, desto höher steigt meine Achtung vor Seeleuten aus vergangenen Zeiten, die keinen Motor hatten, keine Elektronik, keine genauen Seekarten, keinen Seewetterbericht. Oft lagen sie in der Flaute, oder segelten mit ein, zwei Knoten. Da wird sich die Zeit auch gedehnt haben. So viele Männer auf engem Raum. Und wenn in der Biskaya dann Südwestwind aufkam, konnte man sich überlegen, was man daraus machte. Zurück in den Englischen Kanal oder tapfer versuchen, die Höhe zu halten. Das ist auf einem Rahsegler ja nicht so leicht, weswegen diese Versuche manchmal scheiterten und den Schreckens-Mythos dieser Bucht begründet haben.

Auf Langfahrt hat man heute doch meist eher menschliche Klippen zu umschiffen. Oder Flachs. Ist nicht immer leicht, auf engstem Raum, tagelang. Jeder ist anders, da braucht es Toleranz, sonst bauen sich Spannungen auf. Es ist gut, wenn man weiß, wie man diese wieder abbaut. Muss ja auch nicht zu harmonisch sein, ist ja kein Streichelzoo. Gut ist auf jeden Fall, wenn man sich irgendwie zurückziehen und selbst beschäftigen kann. Wenn man was dabei hat, womit man sich die Zeit vertreibt. Thomas schneidet Videoclips auf dem Ipad, da ist ein richtiger Nebenjob; von jedem Abschnitt der Reise soll es einen geben. Guido schreibt sein Tagebuch und seinen Blog. Außerdem hält er sein Boot in Schuss, da liegt immer was an. Und Ronny, unser Schiffsarzt, genießt ganz ungeniert, dass er mal Zeit hat, die Seele baumeln zu lassen. Ich laß die Seele auch mal baumeln, lese, oder schreibe das hier auf, damit ihr Landratten wißt, was einem hier draußen durch den Kopf geht.

 

Wie war das? Endlich Land in Sicht!

Astronomische Navigation Bei uns kann man das Mittagsbesteck erlernen....

Dienstag, 29. Mai 2018, zwischen A Coruña und Vigo

 

Nach der Biskaya sind wir am Abend in A Coruña eingelaufen. Wir hätten auch gleich die Ria de Vigo ansteuern können und wären dann ein ganzes Stück weiter südlich gewesen, aber unser Skipper wollte die nordwestlichste spanische Stadt nicht auslassen. Er hat in letzter Zeit viel über das Thema Langfahrtsegeln gelesen und in diesen Kreisen hat der Name A Coruña als Ankunfts- oder Absprunghafen über die Biskaya einen gewissen Klang. Ich habe dort inzwischen ein paar Mal festgemacht und hänge auch irgendwie an dieser Stadt. Zumindest stand ich beim Abschied bisher jedes Mal an Deck und schaute etwas wehmütig ihrer Silhouette hinterher, aus der der mächtige Torre de Hercules ragt. Diesmal wollte ich herausfinden, was mich eigentlich so fesselt. Anna, eine Einheimische, die ich auf einer früheren Reise kennengelernt hatte, hatte spontan Zeit. Wir gingen spazieren und sie erzählte mir, dass die Gallegos unter den Spaniern als verschlossen und kühl gelten. Und dass es in Galizien im Sommer oft monatelang warm sei, aber nie heiß. Im Winter schütte es dafür manchmal einen Monat lang wie aus Eimern. Dem Einfluss des Ozeans könne man sich hier nicht entziehen.

Vielleicht ist es der in dieser ausgelieferten Lage gewachsene, spröde Charme der Bewohner, der mich anzieht. Verschlossene Menschen sind mir aus Hamburg ja vertraut. Die Zurückhaltung der Coruñer zeigt sich auch in den Fassaden, wo vor die gemauerten noch hölzerne Galerias mit Fenstern gesetzt sind, die die Wärme halten sollen, aber auch wie eine Barriere wirken.

Meine Freundin erzählte, dass sie vor einiger Zeit nach Belgien gezogen sei, in die Nähe von Lüttich. Sie habe es aber nicht lange ausgehalten auf dem platten Land, das Meer habe ihr zu sehr gefehlt. Die Stadt liegt zum Teil auf der Landbrücke einer Halbinsel. Auf der Binnenseite der Hafen mit seiner Hochseefischerflotte, den Schleppern, Lotsenbooten, Containerschiffen und Yachten. Auf der anderen Seite, keinen halben Kilometer entfernt, der Praia de Riazor: Ein breiter, von hoch aufragenden Gebäuden umschlossener Strand mit salzigem Meerwasser, im Wechsel der Gezeiten, eine offene Grenze zwischen Stadt und Wildnis des Ozeans.

Ich bin etwas schwimmsüchtig und nutze auf Törn fast jede Gelegenheit dieser legalen Droge nachzugehen. Meine Freundin hatte mir das Casa del Agua empfohlen, eine Schwimmhalle im Süden der Stadt. Auf dem Weg dahin kreuzte eine Surferin meinen Weg, bereits im Wetsuit, das Brett unterm Arm. Ich bog ab, um zu sehen, wo sie denn surfte. Bald stand ich auf der Promenade und sah den Wellenreitern zu. Weiter links fiel mir ein Mann auf, der im Meer planschte, als hätte die Wassertemperatur nicht 14 sondern 25 Grad. Ich verwarf die Schwimmhalle und schwamm bei Ebbe zwischen Felsen und Kelp hin und her, im frischen, aufgewühlten Atlantik. Nur Minuten vorher hatte ich im Cafe "Desde la puerta los sables" gesessen, zwischen  Großstadthipstern. So was gibt es in A Coruña.

 

 

Donnerstag 31.Mai 2018

12 Meilen nördlich der Berlengas, Nazarè querab

 

Blaues Wasser unterm Kiel, endlich Wind. Wir waren auf dieser Tour ja nicht gerade vom Sturm heimgesucht. Will man auch nicht, zuviel Wind hatte ich hier ja letztens schon, aber eine Brise kann man vom Atlantik doch wohl erwarten.

Vielleicht hätten wir Rasmus/Poseidon/Neptun am Anfang doch ein Trankopfer bringen sollen. Ist nämlich nicht geschehen, weil unser Skipper den Brauch nicht kennt. Man kann ja zu solchem Aberglauben stehen wie man will: Wenn man ihn beachtet, kann es zumindest nicht daran liegen.

 

Noch 80 Meilen bis Lissabon. Wir haben das Ende der Tour vor Augen. Ich will hier lieber kein Fazit ziehen, noch sind wir ja nicht da. Sieht aber so aus, als ob wir den 1.800 Meilen Törn morgen miteinander zu Ende bringen werden. Zwischenzeitlich war ich mir nicht ganz sicher, ob alle an Bord bleiben. Was meinte mein Skipper-Kollege Rainer Tatenhorst neulich am Telefon: Auf Langfahrt gibt’s ja immer Stress, ist fast unvermeidlich: Die Enge, in der unterschiedliche Prinzipien aufeinanderprallen: Politische, religiöse und moralische Ansichten. Und dann die Dynamik der Reise, des Wetters, der Technik, die alles aufmischt... Von offenen Konflikten sind wir auf dieser Tour glücklicherweise verschont geblieben. Ich kann sogar sagen, dass wir uns zusammengerauft haben und jetzt als Crew zu gebrauchen sind. Norming, storming, forming, performing. Diese vier Phasen hat mir eine britische Skipper-Psychologin als Standardentwicklung bei Teams gesteckt. Wir hier an Bord sind in der letzten Stufen angekommen: Jeder hat erfahren, wo die Grenzen des anderen liegen und respektiert sie. Wir wissen auch, dass wir uns aufeinander verlassen können.

Schade eigentlich – jetzt wo wir auseinandergehen, könnten wir sonstwo zusammen hinsegeln.

 

1. Juni 2018, Lisboa

 

3 Wochen nach Fehmarnsund sind wir den Tejo rauf, bis hinter das Zentrum Lisboas. Dort, im Parque das Nacoes liegt die Imperia nun sicher vertäut. Sieht nett aus die Gegend, ich würde mich hier gern mal umsehen, aber wir wuchten unsere Seesäcke von Bord und lassen den Skipper allein. Wir wünschen ihm alles Gute für die Tour um die Welt – bis hier hat doch alles gut geklappt!

 

Surferin in A Coruna
Der Lotse unter der Brücke des 25. April/Lisboa
Marina Parque das Nacoes/Lisboa
Abschied nach 1.800 Meilen

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