Finisterre, Iroise-See, Brest, 22.06.2018

 

 

Nach Ijmuiden kamen wir an Rotterdam vorbei, liefen in der Nacht durch die Hölle des Fahrtenseglers - die Zufahrten der Containerhäfen von Vlissingen, Antwerpen, Zeebrügge und Dünkirchen - und erreichten gegen Mittag des regnerischen nächsten Tages die Straße von Dover. Die Gesichter meiner mir anvertrauten Eigner waren besorgt, als wir uns bei starkem Wind von vorn und Gezeitenstrom von achtern förmlich durch die Meeresenge bissen. Die beiden hängen an ihrer Amara, pflegen sie liebevoll, bezeichnen sie mitunter sogar scherzhaft als Familienmitglied. Sie leiden, wenn es durch den Rumpf schlägt, doch nur so hatten wir überhaupt eine Chance der Nordsee endlich zu entkommen, wo bereits die nächste  Schlechtwetterfront lauerte. Wir machten Meile für Meile gut. Bei Calais kam die Sonne heraus und die Wellen wurden aggressiver. Zwei Yachten, die mit uns aufgekreuzt waren, hatten aufgegeben und liefen vor dem Wind davon. Wir fragten uns gerade, wie lange wir das Ganze noch durchhalten würden, da war es plötzlich vorbei: Die See hatte sich beruhigt, der Wind gelegt. Wir hatten die Düse überstanden und kreuzten vorm Cap Griz Nez auf. Wir waren erleichtert und glücklich, denn wir ahnten ja noch nicht, dass uns in der Nacht dichter Nebel umgeben und unser Radar zwischen lauter Fischtrawlern verrückt spielen würde. Aber auch das überstanden wir: Am nächsten Tag war der Nebel passé. Der Luftdruck stieg, der Wind drehte auf Nord, wir kamen nach Westen voran.

 

Am Abend segelten wir hoch am Wind an Cherbourg vorbei, passierten in der Dämmerung das Cap de La Hague, in der Mitsommernacht die Kanalinseln. Am nächsten Tag liefen wir, gezogen vom Parasailor, nach Südwesten und befanden uns in der Mittsommernacht nördlich von Roscoff, am Nordufer der Bretagne. Noch vor Sonnenaufgang erreichten wir die Iroise-See, durchquerten den Chenal Du Four und schwenkten bei einsetzender Dämmerung in die Rade de Brest ein. Wir hätten von Ouessant aus auch direkt über die Biskaya gehen können, doch nach 5 Tagen auf See konnten wir wieder ein paar Vorräte gebrauchen und eine Mütze voll Schlaf.

 

 

Die Einfahrt nach Brest wird mir immer vertrauter: Das Städtchen Camaret Sur Mer an Steuerbord, die betonnten Filettes-Untiefen, mit Moos bewachsene Felsen mit verwitterten Geschützstellungen. Die stolze Marineschule oben über der Bucht, die unzerstörbaren U-Bootbunker der Nazis, das schneeweiße Expeditionsschiff mit den Parabolantennen. Die auf einem Felsenrücken liegende, wiederaufgebaute Stadt in 50er-Architektur; die Mündung des Penfeld-Flusses, der uralte, erste Hafen der Stadt, mit den darüber aufragenden Pylonen der Pont Du Recouvrance.

Wir liefen unter deutscher Flagge ein. Ich kann es nicht ändern, beim Anblick Brests bin ich jedes Mal wieder betroffen: Es ist unfassbar, was die Deutschen dieser Stadt angetan haben. Ich erzählte der Crew von der totalen Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Das Schlosses, unter dem wir festmachten, ist eines der wenigen Gebäude der Stadt, das den Krieg überstanden hat. Es war Ostwind, bestes Wetter. Wir hatten nicht vor, lange zu bleiben: Schon am Nachmittag des nächsten Tages wollten wir uns vom Hochwasser auf die Biskaya ziehen lassen.

 

Wir checkten ein, entsalzten das Boot, putzten, wuschen, kauften ein für die kommende Strecke. Am Abend wollte ich eigentlich noch ins Hotel Vauban, vielleicht spielte dort ja wieder eine Band, oder ich würde ein paar Bretonen treffen an der Bar. Als ich jedoch die ersten Stufen der Treppe Richtung Oberstadt gegangen war, merkte ich die Erschöpfung. Ich drehte um, ging an Bord und fiel in die Koje.

 

Am nächsten Morgen blieben uns nur noch ein paar Stunden bis zur Abfahrt. Ich ging in eines der Cafés im Hafen. Auf den Außenplätzen war nur noch ein einziger Stuhl unbesetzt. Dicht daneben saß eine Frau, die nicht wie eine Hafenarbeiterin aussah: Schlank, hohe Schuhe, lange braune Haare, ein blaues Kleid mit durchsichtigen Ärmeln. Ich setzte mich, sie nahm keinerlei Notiz von mir. Nach einiger Zeit fragte ich sie, ob die Geschäfte für Schiffszubehör in Brest auch am Sonntag geöffnet hätten. Wie ich denn darauf käme, fragte sie, in Frankreich habe am Sonntag alles geschlossen, bis auf die Gastronomie. Ich entgegnete, dass die Geschäfte am Sonntag zum Beispiel in England geöffnet hätten. Sie sagte, dass sie schon lange nicht mehr in England gewesen sei, wohl aber dringend etwas für ihr Englisch tun müsse. Ich fragte, ob sie aus Brest wäre und was sie so mache. Sie war von hier und erzählte, dass sie in einem Krankenhaus arbeite, aber nur in der Buchhaltung. „Nur“ deshalb, weil viele Menschen, enttäuscht seien, keine Ärztin oder Krankenschwester vor sich zu haben. Sie wollte auch wissen, was ich in Brest tat. Ich erwähnte, dass ich mit einer Yacht aus Amsterdam gekommen sei und am Abend wieder fahren würde. Als sie begriff, so eine Art Seemann vor sich zu haben, sagte sie fast schon abwehrend, dass sie damit gar nichts am Hut habe, sie sei zwar in diese Hafen- und Seefahrerstadt geboren, aber das sei es dann auch. Ich erwähnte, dass ich an Bord meist in einer Männerwelt lebe, Frauen kämen darin kaum vor. Sie zitierte ihren Vater, der zu meiner Überraschung ein Kapitän der Handelsschifffahrt war:

„Frauen sind an Bord wie Karnickel!“ Sie räumte allerdings ein, dass es in Frankreich auch Frauen wie Florence Arthaud gebe, eine Offshore-Seglerin, die landesweit als la petite fiancée de l’Atlantique bekannt war – die kleine Verlobte des Atlantiks. Leider sei sie mit einem Helikopter abgestürzt, was viele Menschen betroffen gemacht habe.

Ich sagte, dass auch mein Vater zur See gefahren sei. Im zweiten Weltkrieg, als junger Marinesoldat, sei er auch in Brest gewesen. Auf einem deutschen Panzerkreuzer. Sie blickte mich fragend an. Es sei ja alles zerstört worden, fuhr ich fort, es gebe ja keine alten Häuser mehr. Sie sah mich weiter fragend an. Ob sie den Deutschen grolle, wollte ich wissen, wegen der Zerstörung ihrer Stadt. Sie zuckte die Schultern:

„Was vorbei ist, ist vorbei. Wir sind nicht verantwortlich für die Taten derjenigen, die vor uns gelebt haben.“

Irgendwann musste sie los. Ob wir uns später vielleicht sehen könnten, fragte ich, am Nachmittag, auf einen Café.

“Warum nicht?“, antwortete sie. Dann stand sie auf und ging. Ich sah ihr nach. Ein wirklich elegantes, blaues Kleid. Was für ein Kontrast zum Hafen, wo sich die Fischkisten stapelten. Jetzt erst bemerkte ich, dass sie ihre dünne Jacke vergessen hatte. Ich lief ihr nach, erreichte sie an ihrem Auto:

„Merci“, sagte sie und nahm die Jacke entgegen.

“Hab ganz vergessen, Dich nach deinem Namen zu fragen!“, sagte ich.


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