Alicante ist eine alte Bekannte. Vor 6 Jahren habe ich hier mal ein paar Monate verbracht. Es fanden damals gerade die Vorbereitungen auf das Volvo-Ocean-Race statt, es war eine Menge los. Der Platz, wo sonst die Open 60‘s liegen ist jetzt verlassen. Ich texte Estefania, die in der Organisation des Rennens wirkt, frage, ob sie spontan Zeit für mich hat. Ich handle mir damit zwar den Spott der Crew ein - aber ich habe doch seit Wochen nur Männer um mich – es kann doch nicht verkehrt sein, sich mal mit einer Frau zu unterhalten…

Wir verlassen die Yacht. Nach 5 Tagen auf See muss ich mich immer ans Land gewöhnen. Alicante macht es einem da leicht. Nach einer späten Mahlzeit ziehen Thomas und ich noch durch die Nacht. In der Altstadt gehen die Leute aus. Es ist trotz der späten Stunden heiß und voll in den Gassen, dass man sich hindurchzwängen muss. Etwas befremdlich nach  lauter Einzelwachen unterm Sternenzelt.

 

Am nächsten Tag gehe ich in der Brandung schwimmen, schaue Fußballweltmeisterschaft in einem Irish Pup und warte vergebens auf ein Lebenszeichen von Estefania. Habe sie fast 5 Jahre nicht gesehen, hoffentlich geht es ihr gut. Manfred und Sven bereiten die Amara auf die letzten 160 Meilen vor. Die Strecke erscheint einem angesichts der bereits gefahrenen Meilen ja fast winzig, aber Vorsicht: Man sollte den Respekt nicht verlieren.

 

Gegen Mitternacht legen wir ab. Bei nordöstlichen Winden ‚klammern‘ wir uns an die Costa Blanca, um Gegenwind und Welle zu minimieren. Wir ziehen vorbei am Kap L’Horta, an Benidorm, Calpe und verlassen die Küste 5 Meilen vorm Cap de la Nao.

Als die Berge hinter uns im Dunst verschwinden, erreicht mich eine Textnachricht von Estefania: Sie würde sich sehr freuen, mich zu sehen…

Wir sind wieder auf dem Meer, ohne Landsicht. Der Wind schläft am Nachmittag ein. Ibiza und Formentera kommen am Abend in Sicht, wir durchqueren die Meerenge zwischen den Inseln bei Anbruch der Nacht unter Motor. Der Mond ist noch nicht aufgegangen, die Milchstraße leuchtet unwirklich schön.

Am Morgen kehrt der Wind zurück, was stets mit großer Freude aufgenommen wird. Der Motor wird gestoppt, die Segel gesetzt. Umrisse Mallorcas tauchen aus dem Dunst auf. Der Wind legt weiter zu, wird achterlich. Wir kreuzen in die Bucht von Palma hinein, erreichen El Arenal am frühen Nachmittag. Zwei fröhlich winkende Frauen warten auf der Pier. Sie sind erleichtert ihre Männer in die Arme zu schließen. Ich freue mich mit ihnen, packe dann aber meine Badesachen zusammen, um endlich wieder ein paar Bahnen zu schwimmen. Ich brauche das einfach, nach soviel Zeit auf kleinstem Raum. Ich gehe über die Uferstraße zum Strand. Deutsche Zeitungen, deutsches Essen, deutscher Provinzmief: Es ist schon kurios: Man segelt 2.500 Meilen und endet am Ballermann, wo es weniger international ist als auf Sankt Pauli. Ich quetsche mein Handtuch an den Strand, lauter Flyer wehen herum. Ich lese einen auf: Almklausi tritt heute Abend im Megapark auf. Ich wate ins Wasser, das voller Menschen ist, die wie in einer riesigen Badewanne herumliegen. Ich schwimme raus, ziehe Bahnen zwischen zwei Tonnen. Mir fällt dabei ein, dass man im Süden der Inselgruppe vor ein paar Tagen einen Weißen Hai gesehen hat. Wird jetzt schon nicht ausgerechnet hier rumschwimmen, denke ich und bemühe mich dennoch, nicht zu hart einzutauchen.

Ich trockne am Strand in der Sonne. Mir fällt auf, dass es an diesem Strand kein einziges Kind gibt. Ich schließe die Augen. Erst ist es nur ein spitzer Schrei, dann rufen viele Menschen aufgebracht durcheinander. Die Badenden fliehen in heller Panik ans Ufer. Dahinter spritzt es, wird aufgewühlt, immer wieder gellen Schreie. Irgendjemand brüllt „Da ist er!“

 

Ich wache auf. Muss kurz eingenickt sein. Bin ja auch erschöpft vom Törn, nach nur 3 Wochen seit Cuxhaven.


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