Cascais, Portugal, 1. Juli 2018

Von Brest aus haben wir drei Tage über die Biskaya gebraucht. Raume nordwestliche Winde haben die Amara weiter an der galizischen und portugiesischen Küste nach Süden geschoben. Nach 6 Tagen und 5 Nächten erreichten wir Cascais, das zwischen Atlantik und Tejo-Mündung liegt.

Als wir in der Marina festmachten, war ich noch Teil des Meeres, zumindest erschien mir das Land beim Anblick noch zu statisch und die Bürokratie am Empfang zu grotesk. Glücklicherweise herrscht in Portugal ein Temperament vor, das zur Entspannung neigt: Ein anderer, ruhigerer Takt als im Norden. Das zeigt sich dem Ankömmling, wenn er aus der gesicherten Marina heraustreten will: Um ein automatisches Tor zu passieren, muss man auf einen Knopf drücken, doch es geschieht zunächst gar nichts. Erst nach einigen Sekunden ertönt ein Surren, nach weiteren beginnt sich das Tor wie in Zeitlupe zu öffnen. Irgendwann ist der Spalt breit genug und man kann hindurch schlüpfen. Das Tor öffnet sich noch weiter und bleibt hinter einem für eine Weile offen stehen. Im Gehen kann man es dann wieder Surren hören, wenn es sich schließt. Noch seltsamer wurde es im Städtchen. Die Menschen, die meisten waren Touristen, wirkten gelangweilt und satt auf mich, beinahe apathisch. Wie eine träge, lebensüberdrüssige, aber bis zum Letzten konsumwillige Masse schoben sie sich durch die Gassen. Sicher waren die Menschen nicht schlecht, es muss wohl eher mit meiner eigenen inneren Anspannung zu tun haben, die man nach Tagen auf See bekommt und die sich nicht gleich wieder abbaut. Irgendetwas an einem wird da draußen kleiner und demütiger. Man nimmt nichts als gegeben hin in seiner Nussschale. Man fühlt sich ja schon sicher, wenn es nur noch 50 Meilen zum Land sind. Und man ist allein dafür dankbar, dass man wieder festen Boden unter den Füßen hat.

Cascais ist nicht irgendein Ort für Seefahrer. Es ist eine Huk, die einen vor den Wellen aus dem Norden schützt, ein Zufluchtsort und Ankerplatz, von wo aus man früher in alle Welt aufbrach, auch heute noch.

An unserem Ankunftstag traf ich Christian, einen Freund aus Hamburg. Christian hatte den Auftrag angenommen, die WISH von Cascais nach Holland zu segeln, eine etwas herunter gekommene Fahrtenyacht, die der letzte Skipper hier geparkt hatte. Im Handumdrehen hatte Christian sich im Netz eine Crew zusammengesucht, die unterschiedlicher nicht sein konnte. Jetzt musste er feststellen, dass er mit dem fremden Schiff nicht gleich in See stechen konnte, wie geplant. Zuviel war daran noch nicht in Ordnung, und während sie es mit vereinten Kräften zu richten versuchten, fiel ihnen immer noch mehr auf. Meist ist es ja das Wetter, das einen beim Segeln aufhält, manchmal aber auch das Schiff. Warten gehörte auch schon immer zur Seefahrt, und da gibt es schlechtere Orte als Cascais. Angeblich hat das portugiesische Königshaus das Fischerstädtchen im 19.Jahrhundert als Sommerfrische entdeckt und die wohlhabenden Lisboetas nach sich gezogen. Noch heute kann man sie hier beobachten, wenn sie in den Restaurants der Marina tafeln und dem guten Leben zusprechen.

 

Ich lehne am Geländer über dem Praia da Rainha und versuche mir vorzustellen, wie Magellan mit seiner Flotte von hier in See gestochen ist. Eine langer Törn mit einem kleinen Schiff ist auch heute noch ein Aufbruch ins Unbekannte. Das musste auch Christian feststellen, der nach wenigen Meilen schon wieder umkehren musste und nun in der Bucht vor Anker liegt. Es gab noch etwas zu reparieren. Er hofft nun, dass er hier wegkommt, bevor der Nordwind einsetzt.

Irgendwie befällt mich in Portugal immer diese Melancholie, von der ich nicht weiß, wo sie herrührt. Ist es die Trauer um den Verlust ihrer einstigen Größe, die die Portugiesen in ihrem Wesen tragen und die man spürt? Früher Entdecker und Kolonialherren in Afrika, Indien und Fernost, heute nur ein Völkchen am Rande Europas. Sie scheinen sich sonst in ihre Rolle zu fügen, nur gelegentlich flammt die Erinnerung wieder auf, wie in einem alten Mann, der an seine wilde Jugend zurückdenkt.

 

Nach zwei Tagen legen wir ab, um weiter nach Süden zu segeln. Ich schaue in den Tejo hinein, werfe einen Blick auf Lissabons große Brücke. Hinter mir liegt die Bucht von Cascais, darin ist noch immer der dunkle Rumpf der WISH zu sehen. Mast- und Schotbruch, Christian! Ich hoffe, Ihr kommt gut an!


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