Wegen Westwinds: Aufbruch nach Portugal auf der Staande Mastroute

 

1.-6. August 2016

 

Es kommt vor, dass man warten muss, obwohl man mit einem Schiffchen auf der großen See fahren möchte. Das ist für manchen nicht leicht zu verstehen; Flugzeuge fliegen ja auch immer. So auch Anfang August, als wir mit einer werftneuen Scalar 34 C in den Süden Portugals aufbrechen wollten.

 

Die Scalar ist ein Juwel. Der Rumpf ist aus GFK, aber Inneneinrichtung und Aufbau sind aus Holz, in feinster Bootsbauerkunst verarbeitet. Das geballte Know-How der traditionsreichen Henningsen und Steckmest-Werft  aus Kappeln steckt in diesem Langkieler. Was für ein Privileg, sie auf ihrer ersten großen Reise segeln zu dürfen.

 

Der Törn soll von Brunsbüttel an die Algarve gehen. Wir hatten ausgemacht die Abfahrt hinauszuzögern, falls es zum Zeitpunkt kein geeignetes Wetterfenster geben würde. Leider sah die Großwetterlage nun so aus, dass man befürchten konnte, es würde sich in diesem Sommer überhaupt nicht mehr öffnen: Seit Wochen reihte sich ein Tief an das nächste und der Ostwind war nur noch eine blasse Erinnerung von Anfang Juni.

 

Oliver, Neueigner der Scalar und mein Segelpartner, drängte darauf loszufahren, allem Gegenwind zum Trotz. Wie kann man bei solchen Aussichten auch sonst reagieren? Wie loskommen aus der Deutschen Bucht?

Die Alternativroute über Schottland kam uns in den Sinn. Warum machen wir es nicht wie die Frachtsegler früher, die oft den Kurs nach Norden absteckten, nachdem sie bei Südwest aus der Elbe herausgekommen waren. Wir müssen ja nicht unbedingt um Schottland herum segeln, wir könnten ja auch den Caledonian Channel befahren...

Leider war aber auch dieser Plan nicht zu halten, denn von Westen war mit den Rückseiten der Tiefs neben viel Südwest und West auch immer wieder stürmischer Nordwestwind zu erwarten gewesen.

 

Was also tun? Oliver, der zeitlich nach hinten nicht viel Luft hatte, wollte irgendwie los, zur Not in kleinen Abschnitten. Ich hatte bei dem Gedanken Bauchschmerzen, denn die Erfahrung nicht wirklich voranzukommen, weil die Großwetterlage es nicht zulässt, habe ich oft genug gemacht. Oliver kam dann auf die Idee, dass man ja auch die „Staande Mastroute“ fahren könnte. Ich kannte sie nicht, wusste nur, dass sie irgendwie über Kanäle und Seen durch den Norden von Holland führt und für Schiffe bis etwa 2 Meter Tiefgang passierbar ist.


Ich bin Seesegler, also nicht See-Segler, deshalb war ich anfangs skeptisch. Aber die Crevette hat einen Tiefgang von 1,80 m und es gab ein Wetterfenster, in dem wir es von Brunsbüttel nach Borkum schaffen konnten. Von dort, aus dem Fluss Ems, genauer aus Delfzjl würde die Stehende Mastroute losgehen – warum also nicht?

 

Von Cuxhaven brauchten wir eine Nacht und einen Tag bis Borkum. Am nächsten Morgen kreuzten wir im Regen die Ems hinauf und schleusten in Delfzjl in den Emskanal, zusammen mit ein paar anderen Yachten. Von dort ging die Reise unter Motor durch den Kanal gen Westen. Manchmal mussten wir vor Brücken Gas geben oder vom Gas gehen; mitunter auch ein paar Kreise drehen und warten, aber dann wurde uns geöffnet.

Am Nachmittag erreichten wir Groningen. Die Route verläuft hier mitten durch die Altstadt. Wenn man vor einer Brücke warten muss, kann man bei Wind schon mal auf Drift gehen; man hat sein Schiff also besser im Griff, um dann die richtigen Schritte einzuleiten. In Groningen, wie auch in anderen Orten ist ein Brückenwärter für mehrere Brücken zuständig. Wenn man eine Brücke durchfahren hat, muss man warten, bis er diese hinter dem letzten Boot geschlossen hat, auf sein Fahrrad gesprungen und zur nächsten geradelt ist. Bei einer dieser Öffnungen wird einem ein an einer Angel baumelnder Holzschuh entgegengehalten - für das Brückengeld. Mehr Holland geht irgendwie nicht und die Altstadt wirkt vom Wasser aus überaus einladend - nur nicht wenn man zügig nach Portugal möchte. Solche Kandidaten wie wir sollten beachten, dass es gegen Mittag eine Brückenpause gibt, meist eine Stunde, von zwölf bis eins.

 

Den ganzen Nachmittag tuckerten wir an Weiden, Kühen und Schilfufern entlang gen Westen. Am Abend schafften wir es dann noch bis in die benachbarte Provinz Friesland. Genauer bis nach Zoutkamp, dann war Brücken-Feierabend, der durch zwei rote Lichter angezeigt wird. Zoutkamp ist eine ehemalige Renaissance-Festung, die an einen Nationalpark grenzt. Ein pittoresker Hafen, in dem man keine Gefahr läuft, zu spät in die Koje zu kommen. 

 

Am nächsten Tag schleusten wir früh ins Lauwersmeer, ein eingedeichtes Binnenmeer südlich der Nordseeinsel Schiermonnikoog. Hierin verläuft die Route ein Stück gen Norden. Im Lauwersmeer sollte man sich an die Mitte des Fahrwassers halten; hier haben wir die niedrigsten Wassertiefen gelotet. Die Route biegt wieder nach Südwesten ab, verläuft durchs Dokkumer Diep zu einer weiteren Schleusung und dann in Richtung des Städtchens Dokkum.

Das alles dauert ein bisschen; immer wieder kommen Brücken, vor denen man vom Gas gehen oder Gas geben muss. Mitunter hilft es auch über UKW-Funk Bescheid zu sagen, ehe ein grün-rotes Signal anzeigt, dass man gesehen oder gehört wurde und mit einer Öffnung rechnen kann.

Nach Dokkum ging es durch die Kanäle, an Wiesen, Höfen, Dörfern und Anlegestellen entlang, immer weiter durch diese ganz eigene Wasserwelt, die einem da begegnet.

Am Abend des zweiten Tages schafften wir es noch bis nach Leeuwarden,  ehe dort die Brücken für die Nacht geschlossen wurden. Ich bin zwar zu Leeuwarden gekommen, wie die Jungfrau zum Kinde, musste aber feststellen, dass die Hauptstadt Frieslands eine echte Perle ist. So bringt die Staande Mastroute einem Seemann ganz nebenbei die Schönheit des Binnenlandes nahe, und das sogar noch auf einem Schiff.

 

Es dauert eine Weile, ehe wir am nächsten Morgen die letzte Brücke Leeuwardens passiert hatten und wieder in der Weite Frieslands an Windmühlen, Wiesen und Radfahrern vorbeituckerten.

Wir passierten die Ortschaft Grou, folgten der Beschilderung ins Sneeker Meer und in ein weiteres seenartiges Gewässer, namens Füssen, wo die Friesländer gerade eine Regatta mit High-Tech-Plattbodenschiffen segelten. Am Nachmittag, beinahe drei Tage nach Delfzjl schleusten wir dann in das Ijsselmeer und machten in Stavoren fest.

Einen weiteren Tag später erreichten wir Amsterdam, und schließlich durch den Nordseekanal, Ijmuiden.

 

Wir waren irgendwie erleichtert, als uns die Nordseeküste wieder hatte. Dennoch kann ich die Tour durchs Hinterland empfehlen, entweder als Studium der urigen Binnenwasserwelt Frieslands oder als Notlösung, wenn man sonst keine andere Möglichkeit sieht aus der Deutschen Bucht herauszukommen. Allerdings hat unser Tiefgang nur 1,80 m betragen, und viel Wasser hatten wir mitunter nicht mehr unterm Kiel. Auch hörten wir, dass das Rijkswaterministerium die Route anscheinend mitunter ändert. Bis Amsterdam sollte man von der Ems aus in jedem Fall mit 3-4 Tagen rechnen, und hat dann auch noch alle Hände voll zu tun: Auf den Kanälen ist es ja nicht wie auf See, wo man manchmal die Seele baumeln lassen kann. Hier ist ständige Aufmerksamkeit nötig und am Abend weiß man, was man getan hat.

 

 

08.08.16   Aufbruch gen Südliche Nordsee

 

Endlich drehte der Wind auf Nordwest und wir konnten Ijmuiden verlassen, dieses hässliche, sandige Nest mit schlechtem Essen und lausigen Versorgungsmöglichkeiten.

Es störte uns daher auch nicht, in der Ausfahrt gegen eine steile drei Meter Welle anzubolzen. Die habe ich beim Ausfahren von Ijmuiden schon öfter erlebt. Man kann da

ganz gelassen bleiben, und sobald man 10 Meter Wassertiefe erreicht hat, nach Südwest abdrehen.

 

Mit frischem, halbem Wind ging es durch die noch vom abziehenden Tief aufgewühlte See. Da wir nur zu zweit waren, verloren wir keine Zeit und gingen in den Wachplan über: Nachts 2 Stunden-Wachen im Wechsel, tagsüber 3 Stunden.

Leider konnten wir aufgrund des Westwindes nicht die Route quer über die Nordsee nehmen und die West Hinder TSS Junction nördlich umfahren, wie ich es diesem Jahr schon zweimal getan hatte. Die Küstenroute erfordert mehr Aufmerksamkeit, ist viel flacher, mit ihren Sandbänken und Fahrwassern der Großschifffahrt.

Als wir Rotterdam erreichten querte ich (Oliver schlief tief und fest) im „Smallcraft Channel“ unter der Beobachtung von „Maas Control“das Fahrwasser des größten Containerhafens Europas. Von See aus sieht dieser Hafen aus wie eine gigantische Burg. Als wir auf der anderen Seite waren, zog ein schweres Gewitter auf: Blitze zuckten über Rotterdam und Antwerpen, es schüttete wie aus Eimern mit Sturmböen. Ich strich die Segel und motorte durch ankernde Großschiffe hindurch, hoffend, dass es uns nicht erwischen möge.

 

Am Mittag des nächsten Tages standen wir vor der Westerschelde. Hier muss man die Ein- und Ausfahrten der Häfen Antwerpen, Vlissingen, Zeebrügge, etc. queren, was nachts und bei Starkwind eine Herausforderung sein kann, weil das Wasser flach und die Gezeitenströmung mitunter stark ist.

Wir hatten Glück: Zwar war die Zahl der Containerriesen groß, aber der Wind war moderat und die Sicht bestens. Zudem ist die Crevette mit AIS (Automatic Identifikation System) ausgestattet, was die Querung erleichtert. Nach ein paar Ehrenrunden ging ich mit Vollgas durchs Fahrwasser und war nach dreißig Minuten drüben.

 

Der Wind ließ weiter nach, was gut war, denn bei Wind gegen Strom kann der Seegang auf den Flämischen Bänken grob werden.

Die Stunden vergingen mit Wachen und Freiwachen. Bei letzteren versuchte meist jeder von uns schnell zu schlafen, um für die Nacht Kräfte zu sparen.

 

 

Querung der Dover Strait

 

Am Abend machten wir uns daran, die Straße von Dover zu queren. Gerade zog eine schwarze Wand über Südostengland auf. Just als wir die Trennlinie des Verkehrstrennungsgebietes passierten, begann es zu regnen und der Wind wurde unstet. Wir rollten die Genua weg, gaben Gas und meldeten uns über Funk bei der Verkehrsleitzentrale, damit man wusste, dass es uns gab. Der höfliche Brite von der Dover Coast Guard bat uns, die Querung der Strait den Kollisionsverhütungsregeln entsprechend durchzuführen.

Mit AIS ist so etwas ja scheinbar simpel. Man erkennt frühzeitig, ob es mit einem Frachtschiff eng wird und kann entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen. Allerdings beschränken diese sich in einem Verkehrstrennungsgebiet darauf, schneller oder langsamer zu werden, da man ja verpflichtet ist, mit der Kiellinie einen 90 Grad-Winkel zum Fahrwasser zu halten. Auf der Northeast-bound Lane kamen wir zunächst auch gut klar, aber am Ende musste die Coast Guard doch noch eingreifen: Denn – was wir nicht vorhersehen konnten: Ein dem Fahrwasser nach Nordosten folgender Großfrachter, südlich von uns, hatte den Plan, das Gegenfahrwasser zu queren um zur Themse hochzulaufen. Als er die Coast Guard hiervon unterrichtete, erinnerte man sich dort an uns und machte den Frachterkapitän darauf aufmerksam, dass wir uns gerade irgendwo vor ihm befinden müssten. Daraufhin kommentierte dieser erstaunt, dass er uns jetzt auch gerade entdeckt hätte. Er ging dann mit seinen 450.000 Tonnen ein paar Kabellängen hinter uns vorbei. Faszinierend.

 

Die Querung des südwestlich fahrenden Verkehrs in der Mitte der Nacht habe ich nur noch halb mitbekommen, weil Oliver meinte, die Lage im Griff zu haben und ich eigentlich längst ins Bett gehörte. Hinterher erfuhr ich von ihm, dass es vor der Ausfahrt des Fährhafens von Dover noch mal eng geworden war, weil vier Fähren gleichzeitig auftauchten, zu einem Zeitpunkt an dem er eigentlich schon annahm, alle Gefahr hinter sich zu haben.

 

Wir setzten unseren Weg fort gen Westen. Die Nacht vor der Küste von East-Sussex war ruhig, ein Nordwind trieb uns an. Wir umrundeten das Kap Dungenes, passierten Eastbourne. Kurz nach Sonnenaufgang begannen wir bei schralendem Wind vor Beechy Head zu kreuzen, fast bis vor die Marina von Brighton, wo wir 43 Stunden, nachdem wir Ijmuiden verlassen hatten, einliefen.

 

Brighton Marina

 

Die Marina in Brighton ist eine gigantische, betonummantelte Festung, dem Meer abgetrotzt und vor die Kreidekliffs gerammt, über einen Kilometer lang und einen halben breit. Trotz dieser Dimensionen kann das Einlaufen bei stärkeren Winden aus südlichen bis westlichen Richtungen aufgrund der Flachs vor dem Hafen gefährlich sein, und ist ohnehin nicht mit jedem Tiefgang machbar. Hat man es aber geschafft, empfängt einen der Staff mit der typisch britischen Aufmerksamkeit.

 

Diese größte Marina Großbritanniens, ein paar Meilen östlich vom eigentlichen Seebad Brighton gelegen, ist eine Welt für sich. Im Yachthafen geht es noch verhältnismäßig ruhig zu. Verlässt man diesen aber durch eine Drehtür, erwarten einen Pizzaläden, Cafès, Pubs, Supermärkte, Casinos, Werkstätten, ein Kino, eine Tankstelle, Souvenirshops und, und, und... Die meisten Menschen, die man hier antrifft, haben nicht viel mit Booten zu tun, außer dass diese als eine Fototapete herhalten. Über eine Art Autobahnzubringer fließt dieser Ausflugsverkehr Tag und Nacht in diesen Freizeitpark hinein und wieder hinaus. An einem sonnigen Wochenende kann der Menschenauflauf in Kombination mit vielen Neppangeboten schon einen ziemlich abschreckenden Zug bekommen - die hässliche Fratze des Kapitalismus. Wird man dieser Umgebung dann überdrüssig und will – wie es uns erging - die Marina am liebsten fluchtartig verlassen, heißt dies aber noch lange nicht, dass man es auch kann - zumindest nicht auf dem Seeweg. Das Warten auf den richtigen Wind, besonders auf Ostwind ist an der Englischen Südküste legendär und der Marina-Staff in Brighton kann ein Lied von Bootfahrern singen, die einfach nicht wegkommen, weil der Südwest erbarmungslos auf die Küste steht.

 

 

13. August 2016, 23:30 Uhr

 

Kurz vor Mitternacht gab das Tief endlich nach. Wir verloren keine Zeit und machten uns auf die 280 Meilen nach Brest, gemeinsam mit unserem Neuzugang Boris, der uns einen Genacker mitgebracht hat.

 

Den ersten Teil der Nacht sind wir noch gen Süden motort, aber ab dem Morgen konnten wir das neue Segel dann auch gleich setzen. Zur Stunde kleben wir wie die Fliegen an der Ecke des Cap de La Hague bei drei Knoten Gegenstrom und drei Knoten Speed und warten darauf, dass sich der Strom zu unseren Gunsten umkehrt....

 

16. August 2016

 

Für den zweiten Seetag seit Brighton gibt es in England den Ausdruck Champagne-Sailing, wie wir später belehrt wurden. Unter stahlblauem Himmel hat uns der Ostwind weit mehr Höhe beschert als wir brauchten. Die Scalar zeigte sich dabei gutmütig und solide. Es war beeindruckend, wie rasch Boris Seebeine wuchsen. Noch dazu schien er gar nicht genug Wissen aus der Welt der Seefahrt in sich aufnehmen zu können.

 

Als wir am Abend, an der Stirnseite der Bretagne, den Chenal du Four nach Süden hinuntersegelten und einen Wetterbericht bekamen, sahen wir, wie sich das Wetter in den nächsten Tagen auf der Biskaya entwickeln sollte. Bis dahin waren wir noch davon ausgegangen, dass das Hochdruckgebiet sich halten und uns endlich aus nördlichen Breiten in den richtigen Sommer befördern würde. Aber nun kündigte sich eine weitere Störung an. Plötzlich schien es fraglich, ob Brest wirklich nur ein Boxenstopp werden würde. Am Abend machten wir in der Marina du Chateau in Brest fest.

 

Am nächsten Morgen sahen wir uns die Sache noch einmal genauer an. Die Entscheidung sofort auszulaufen oder zu bleiben stand an. Wir taten uns nicht leicht damit. Klar war, nach allem, was wir sahen, dass wir es wohl binnen 48 Stunden irgendwie über die Biskaya schaffen mussten, was bei leichtem Gegenwind mit einem 11 Meter-Boot kaum zu machen ist. La Coruna wäre auf keinen Fall zu halten gewesen, aber eventuell ein Hafen weiter östlich, zum Beispiel Gijon. Wir mussten feststellen, dass es in jedem Fall ein Rennen gegen die Zeit werden würde, denn bald würde ein Sturmtief auf der Biskaya das Sagen bekommen. Schweren Herzens kamen wir zu dem Schluss, dass es einfach keinen Sinn machen würde, und wir die Reise an dieser Stelle unterbrechen mussten, bis dieses Tief wieder abgezogen sein würde. So eine Entscheidung zu fällen ist immer bitter. Man fragt sich, ob man sich nicht nur drückt und man sich nicht doch lieber hinauswagen sollte. Erleichterung verschaffte uns  in diesem Fall ein Stegnachbar, der aus Jersey stammt, und dem wir am Morgen von unseren Aussichten erzählt hatten. Er hatte sich die Wetterlage auch angesehen und bestätigte uns, eine seemannschaftlich korrekte Entscheidung getroffen zu haben („a seamans decision“). Er sagte, für den Fall, dass wir nun doch ganz schnell noch hinausfahren würden, um es vor dem Tief irgendwie zu schaffen, gäbe es auch einen englischen Ausdruck: To marry in a haze.

 

 

Aufbruch über die Biskaya

 

23.08.2016

Nach dieser wetterbedingten Zwangspause (Ich trieb mich in Paris herum, Oliver blieb beim Schiff) planten wir am Abend des 23. August auszulaufen. Leider ohne Boris, der sich aus Zeitgründen schon wieder verabschieden musste.

Am Nachmittag schnappte ich mir noch mal ein Fahrad und machte mich auf den Weg zu einem Strand, der nordwestlich von Brest liegt. Das Sträßchen führt hinter den Hafenanlagen der französischen Marine entlang und gibt immer wieder den Blick auf Kaianlagen und Militärschiffe frei. Am Ende taucht der Nazi-Bunker auf. Gigantisch, roh, voller Krater von Angriffen. Er hat dem schweren Bombardement der Aliierten standgehalten, das alte Brest hat es nicht. Das heutige Brest ist nach dem Krieg am Reißbrett entstanden. Schnörkellos, modern, etwas klassizistisch angehaucht. Rechteckige Straßenzüge, alles pastellfarben. Das Auge ist darin vergeblich auf der Suche nach etwas Gewachsenem, Historischem. Ausgerechnet dieser Nazibunker scheint neben dem Schloss eines der ältesten Gebäude zu sein. Wenn ich in Brest auslaufe und die Stadt als Ganzes sehe, frage ich mich immer, wie Brest früher ausgesehen haben mag, bevor Hitler es zur Festung ausbauen ließ und die Alliierten es in Schutt und Asche bombten.

 

Am Abend legten wir ab. Draußen war die See vom abziehenden Tief noch immer aufgewühlt, aber es herrschte Windstille. Unsere kleine Yacht wurde vom Seegang hin und hergeworfen. Ich hatte ja geahnt, dass es sportlich werden würde, war aber auch lange nicht mehr mit ranken 34 Fuß auf dem Atlantik unterwegs gewesen. Irgendwann gewöhnt man sich daran, bekommt es schließlich gar nicht mehr mit, dass man sich gerade mit aller Kraft vom Süllrand hochstemmt oder am Edelstahlrahmen der Steuereinheit festkrallt.

 

 

23.08. 21:00 Bordzeit

           

Oliver sagte eben noch, „Hier draußen tut sich nicht viel...“ und wünschte eine „Gute Wache“, ehe er im Niedergang verschwand.

Wir sind mitten auf der Biskaya. Halbe Strecke zwischen Brest und Cabo Fisterra in Galizien. Eine Brise aus Nordwest schiebt uns voran, als ich keine halbe Meile entfernt eine Luftverfärbung am Horizont bemerke. Sie verschwindet wieder. Jetzt sehe ich, dass etwas nach oben schießt. Wieder ist die Luft verfärbt. Ohne Zweifel - es ist ein Blas. Dort drüben ist ein Wal. Ich suche das Meer ab. Nichts mehr. Ich widme mich einem Buch, der Autopilot steuert das Schiff. Einen Moment später – ich bin gerade völlig vertieft – höre ich ein seltsames Gurgeln. Ich blicke auf, sehe direkt neben dem Schiff aufgewühltes, spiegelglattes Wasser. Sonst ist das Meer überall um uns durch den Wind aufgeraut. Jetzt kann ich auch den Wal sehen, direkt achteraus. Groß, schwarz, die Finne schmal, etwas gebogen am Ende. Noch einmal taucht er ab, dann kommt er hoch und bläst. Ich starre wie gebannt auf ihn, bin ein ganz wenig verunsichert: Was ist, wenn der irgendwie feindliche Absichten hegt, so dicht wie der uns kommt. Ich meine, es gibt hier draußen ja nur ihn und uns. Falls er aggressiv wird, kann ich ja schlecht die Wasserschutzpolizei rufen...

Ich sehe ihn verschwinden, schließlich nur noch Wellen.

Eine ganze Weile stehe ich da und frage mich, was der Wal suchte. Warum er zurückkam. Ich lese weiter, bin mitten im Text, als ich aus Luv ein Röcheln höre, ein tiefes, tiefes Luftholen. Er ist direkt neben uns. Ganz kurz kann ich sein Auge sehen, dann taucht er ab und verschwindet wieder. Ich stehe an Deck und suche die See ab. Wahrscheinlich ist er noch da, aber ich kann ihn nicht mehr sehen, denn die Nacht hat sich über die Biskaya gesenkt.

 

 

24.08.2016, etwa 80 Seemeilen nordöstlich von La Coruna. Nachmittags.

 

Die Biskaya macht Druck. Die See ist aufgewühlt. Ich beobachte die Luvseite, bin auf der Hut. Wir sind im 2. Reff im Groß, bei gereffter Fock. Die Yacht geigt. Vor uns leuchtet der Himmel, die See glitzert, aber hinter uns, von wo der Wind kommt, ist es graublau. Hin und wieder fallen ein paar Tropfen. Ich habe keine Angst, aber Respekt. Ich passe auf, dass ich reagieren kann. Wie eben, als ich die Bö anhand der Schaumkronen vorher gesehen habe, schon in ein zwei Meilen Entfernung. Ich konnte reffen, bevor Oliver unten aus der Koje fällt.

Es kommt kaum vor, dass wir lange zusammen im Cockpit sitzen, auch wenn wir uns menschlich grün sind. Jeder von uns ist ja 12 Stunden auf Wache. Das reicht doch an Frischluft, da ruht man sich lieber aus. Eben habe ich schon wieder einen Blas gesehen. Verfolgt mich der Wal? Ein paar große schwarze Delfine mit nach vorne abgerundeten Köpfen waren auch schon da.

 

 

25.08. 2016, 06:30 Uhr Bordzeit

 

Es gibt Nächte auf See, die sind so schwarz, dass man heilfroh ist, wenn der Morgen graut. Nur sehr langsam zeichnet sich eine Horizontlinie ab, immer wieder blitzt es. Hin und wieder donnert es auch. Die Nacht war windig, die See ruppig. Sie hat uns vor sich her getrieben, irgendwo nördlich vor La Coruna, wo der Festlandsockel beginnt und die Wassertiefe innerhalb von ein paar Seemeilen von 4000 auf 300 Meter ansteigt. Wir passierten eine rote Blitzboje, die nicht in der Seekarte verzeichnet war. Danach ging es mit den Fischtrawlern los. Wir waren mit ausgebaumter Genua und einem, durch einen Bullentallie gesichertem Großsegel in unserer Kurswahl eingeschränkt, aber jedem einzelnem Trawler ausweichpflichtig. Also versuchten wir uns dort hindurch zu lavieren und alle querenden und entgegenkommenden Fischtrawler irgendwie weiträumig zu umfahren.

Vor einer Stunde, es war noch Nacht. Ich schlief gerade tief und fest, als Oliver mich weckte. Ich kam hoch und sah, dass das Großsegel back stand, bei starkem Wind und grober See. Kurz vor uns in Lee hielten 2 durch ein Schleppnetz verbundene Fischer auf uns zu. Unsere Genua zog noch, wir waren auch noch auf Gegenkurs! Was war eigentlich passiert, wie hatte es soweit kommen können? Oliver rief, dass die Fischer kurzerhand ihren Kurs geändert hatten, völlig ungeachtet der Tatsache, dass sie Kurshalter waren. Wir refften die Genua weg, schossen in den Wind, ließen das Großsegel fallen, versuchten mit voller Kraft der Maschine unsere Haut zu retten. Am Ende passierten wir diese Ignoranten um zwei Kabellängen.

 

Wir setzten unsere Reise fort. Ein Blitz schlägt in die See, die immer gröber wird. Was für eine Nacht. Ich habe ein ungutes Gefühl wegen des Cabo Fisterras, der Westspitze Galiziens, um das wir ja auch noch herum müssen...

 

 

Galizien

 

 

Baiona, 26.08.2016

 

 

Um das Kap herum war es wie so oft neblig, doch entgegen meiner Annahme wehte nur ein schwacher Wind. Statt des von mir erwarteten, groben Seegangs, gab es nur sanfte Wellen, die uns anschoben. Das spanische Festland, in dessen Nähe wir schon einen halben Tag unterwegs waren, hatten wir noch gar nicht sehen können. Kaum hatten wir aber die Landspitze gerundet, verschwand der Nebel und die Sonne setzte sich durch. Die Berge leuchteten und das Meer glitzerte. Kurz vor Mitternacht, etwa drei Tage nach Brest, liefen wir schließlich in den Badeort Baiona ein, südlich von Vigo. Müde, aber glücklich machten wir  im Real Club Nautico de Yates fest. Was für eine Überfahrt! Man kann nahezu eins werden mit den Elementen, gerade auf einer kleinen Yacht. Erlebt  Momente großer Schönheit. Aber diese gibt es eben nicht ohne Strapazen, ohne Regen, heftiges Geschaukel und Gefahr.

 

 

 

 

28.08. 2016 , 09:27  

 

Baiona liegt am Atlantik, am Fuße einer kleinen Halbinsel. Diese bildet zum Land hin eine geschützte Bucht. Hier sind Yachtclub und Stadt angesiedelt. Ein wirklich netter, geschichtsträchtiger Ort, der hauptsächlich Spaniern vorbehalten bleibt. Als Nicht-Spanier ist man hier ein Exot, der vom Fischhändler neugierig ausgefragt wird: Aus Deutschland? Das ist ja spannend!

Die paar Stunden, bis zu unseren neuerlichen Aufbruch sind wie im Fluge vergangen. Kein Wunder; wir hatten drei Tage auf See hinter uns – und drei Tage vor uns. Es fühlte sich an, als ob man das Land wie ein Schwamm aufsaugen kann. Aber es half ja nichts: Wir hatten schon zu viel Zeit in Städtchen verbracht und der Wetterbericht sagte mäßigen bis frischen Nordnordwestwind voraus. Am späten Nachmittag liefen wir aus.

 

Wir kamen gut nach Süden voran. Am Abend kamen Nebelbänke auf. Dann zog es ganz zu, es blieb Null Sicht über viele Stunden. Der Wind drehte weiter nach Nord, zwang uns auf raumen Kurs in immer größere Entfernung zum Land. Endlich, gegen morgen war der Spuk vorbei, die Nebelbänke blieben zurück.

 

Der nächste Tag verlief ereignislos. Nichts und niemand fuhr da draußen herum. Die Großschifffahrt, noch weiter vom Land entfernt, war nur auf dem Radar zu sehen.

Gegen Mittag, bei etwa 40 Meilen Abstand, halsten wir wieder zum Land hin.

In der Nacht erreichten wir schließlich die Berengas–Inseln bei Peniche. Damit hatten wir wieder Datenfunk – und einen Wetterbericht. Es hatte sich nichts Wesentliches geändert. Zwar sollte der Wind in absehbarer Zeit auf bis zu 30 Knoten zulegen, aber von achtern, das konnte für uns doch kein Grund sein, in einen Hafen zu fahren.

 

Am nächsten Morgen sahen wir Sintra, warfen von Ferne auch einen kurzen Blick auf Lissabon, passierten das Kap Epichel bei Sesimbra ebenfalls mit Abstand, und

waren schon wieder draußen, in der riesigen Bucht, die sich südlich von Lissabon

zum Cabo Sao Vicente hin öffnet.

 

 

Kap Sao Vicente

 

 

28.08.2016  20:06 Bordzeit, 35 Seemeilen nördlich vom Kap Sao Vicente

 

Oliver bemerkte eben, er fühle sich wie nach einer durchzechten Nacht. Das trifft es ganz gut, finde ich. Zwar fahren wir überwiegend Einzelwachen, können uns also jeder theoretisch 12 Stunden am Tag ausruhen, aber so einfach ist das nicht: Zum einen sind unsere Wachen zwei, am Tage drei Stunden lang – man schläft also nie durch. Zum anderen lässt uns unsere kleine Fahrtenyacht in der Atlantikwelle ziemlich regelmäßig hin- und her rollen, was das Ruhen schwierig macht. Man versucht sich irgendwie in der Koje festzukeilen, mit allem, was man findet. Man legt sich breitbeinig auf den Bauch: Hat man es dann endlich geschafft einzuschlafen, ändert sich der Seegang und die Rollbewegung, oder der Motor springt an, oder irgendeine Funkstelle quakt einem ins Ohr. Es ist nicht leicht zu ruhen. Wir sind auch schon fast eine Woche unterwegs seit Brest, und dabei überwiegend in Küstenfahrt, also mit erhöhter Aufmerksamkeit. Der Boxenstopp in Baiona war für den Rhythmus eher kontraproduktiv. Immerhin stehen wir in dieser wilden, tiefblauen, aufgewühlten See vor dem letzten Kap dieser Reise: Sao Vicente: Dahinter liegt ja schon unser Ziel: Die Algarve ...!

 

Aber zunächst müssen wir es noch ums Kap herum schaffen: Der Wind hat - wie angekündigt auf 25-30 Knoten zugelegt. Die Wellen sind im Mittel 2-3 Meter hoch und folgen für den Atlantik ungewöhnlich steil und dicht aufeinander. Sicherheitshalber liegt die Sturmfock angeschlagen an Deck. Wir hoffen aber, dass der Wind bis zum Kap wieder nachlassen wird.

 

 

Die Nacht ist mondlos, nur die Milchstraße spendet etwas Licht. Die Steckschotten sind eingeschoben; immer mal wieder bricht eine Welle direkt hinter uns, aber das spitze Fahrtenyachtheck parierte bisher jeden Versuch, uns nass zu machen. Es gurgelt, es zischt, hin und wieder klappert es in der Besteckschublade.

 

Wir runden das Kap in zwei Seemeilen Abstand. Als wir glauben, es schon hinter uns zu haben, frischt der Wind aber noch einmal kräftig auf. Endlich verschwindet der Seegang, wir nehmen Kurs auf Lagos.

 

Am Morgen machen wir am Besuchersteg der Marina fest. Uns geht es gut. Auch wenn die Reise länger gedauert hat als geplant, so können wir doch sagen, dass wir am Ende von Brest nicht mal eine Woche bis hier herunter gebraucht haben. Und dass wir, die wir aus Anlass der Überführung eine Zweckgemeinschaft auf engstem Raum eingegangen sind, uns noch immer in die Augen schauen können. Mehr noch, wir haben uns bis zuletzt gut verstanden. Das ist die größte Leistung, denke ich.

 

Rainer Holtorff

 

 

 

 

 

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